Chthuluzän is calling _ Berichte aus der Zukunft

Performatives Musiktheater für eine Schauspielerin, Synthesizer und Lautsprecherorchester. Eine Produktion von mehrblick&ton.

Theater im Delphi Berlin : 3.-5. September 2021
Theater Chur (Ch): 10./11. November 2021

Klimawandel, Artensterben, Pandemien: die Menschheit des Anthropozäns steht vor gewaltigen Herausforderungen. Das Musiktheaterkollektiv mehrblick&ton begibt sich angesichts einer kollabierenden Erde auf den Pfad des Spekulativen und entdeckt im Chtuluzän – einem von Donna Haraway imaginierten Zeitalter nach dem Anthropozän – ein neues Verständnis von Natur und Kultur und ein neues Miteinander menschlicher und nichtmenschlicher Lebewesen.
Zwei hybride Wesen aus dem Chtuluzän treffen auf die einzigartige, individuelle und vom Aussterben bedrohte Menschheit des Anthropozäns. Ihre Mission: die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren! Ihr Mittel: Kommunikation auf allen Ebenen und mit allen Sinnen. Und so verbinden sich Vokalwerke aus dem Anthropozän (Frank Martin: Messe pour double choeur) mit musikalischen Botschaften aus dem Chtuluzän, Zitate und lautmalerische Kompositionen verschmelzen mit performativen und textlichen Interventionen. Kann der Fortbestand der Menschen durch Metamorphosen des Denkens, Fühlens und Handelns gesichert werden und ermöglicht ein Perspektivwechsel neue, (r)evolutionäre Verbindungen?

Konzept, Text, Lautsprecherorchester, Regie: mehrblick&ton (Therese Schmidt und Wolfgang Heiniger)
Performance: Anne Hoffmann 
Synthesizer, Performance: Liz Kosack
Gesangs-Aufnahmen: Vokalensemble The Present
Stimmen: Jaap Stahn, Oscar Schmidt und andere menschliche und nichtmenschliche Lebewesen
Bühne und Kostüme: Yassu Yabara
Licht: Konrad Dietze
Klangregie Lautsprecherorchester: Sébastian Vaillancourt

gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. In Kooperation mit dem Studio für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste, Berlin. Mit freundlicher Unterstützung der Neuköllner Oper

Form follows Crisis: The Present ergreift lebenserhaltende Maßnahmen

künstlerisches Forschungsprojekt mit dem Vokalensemble The Present

Nachdenken über musikalisch-performative Formen und Dialoge vor dem Hintergrund der existentiellsten aller Krisen: der Klimakrise.

Gemeinsam mit dem Vokalensemble THE PRESENT hat sich Therese Schmidt im Rahmen des reload-Stipendiums der Bundeskulturstiftung mit dem Klimawandel, seinen unmittelbaren und zukünftigen Auswirkungen, sowie möglichen künstlerischen Transformationen beschäftigt. Im Zentrum der künstlerischen Forschung standen zunächst viele Fragen: 

Wie hat das Wissen um bedrohte Ökosysteme und den ersten spürbaren Folgen eines Planeten in der Krise den Menschen verändert ? Wie haben wir uns schon verändert, wie müssen und wollen wir uns noch verändern und wie radikal können wir diese Metamorphosen – zumindest auf künstlerischer Ebene – denken? Von welchen Glaubenssätzen müssen wir uns trennen, welche neuen Narrative, Diskursräume und Erzählungen müssen etabliert werden? Letztlich: Wie können wir das Gelesene und Weitergedachte künstlerisch umsetzen? Im Gespräch mit Expert:innen und Wissenschaftler:innen haben wir Antworten auf diese Fragen gesucht. Entstanden ist unter anderem eine Podcast-Reihe, in der wir den Soziologen Dr. Manuel Rivera vom Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeit, den Mathematiker und Komplexitätsforscher Dr. Jobst Heitzig vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, die Dresdner Biologin Dr. Thea Lautenschläger von der TU Dresden, sowie die Musikethnologin Friedlind Riedel nach ihren Erfahrungen und Forschungsergebnissen befragt haben.

Die Podcasts sind hier abrufbar.

Die Jeinsager
Oder: Über die unerträgliche Ambivalenz der täglichen Entscheidungen

Ein Musiktheaterabend mit „Der Jasager“ von Brecht/Weill und „Die Jeinsager“ von mehrblick&ton

UA: ursprünglich: April 2020// neu: 14.-16.April 2021, Gare du Nord, Bahnhof für Neue Musik, Basel
Aufgrund einer Erkrankung musste die UA leider erneut abgesagt und verschoben werden.
NEU // NEU // NEU: es gibt NEUE TERMINE: UA am 15.03.2022 im Gare du Nord, Bahnhof für Neue Musik, Basel, weitere Vorstellungen: 16./17.03.2022

Still aus einer Video-Sequenz, Video: Jonas Sulzer

In seiner neuen Musiktheaterproduktion „Die Jeinsager“ fragen mehrblick&ton nach Mechanismen von Entscheidungen und Opferbereitschaft in Zeiten einer „großen Krankheit“. Folie dafür ist die Schuloper „Der Jasager“ von Brecht/Weill, in der der „große Brauch“ einer reisenden Gesellschaft thematisiert wird, wonach ein krankes Mitglied den Berg hinab gestürzt werden muss, damit die nicht infizierte Gesellschaft unbesorgt weiterreisen kann. Ein Junge wird krank und stimmt seinem Tod zu, die Gesellschaft feiert seine Opferbereitschaft.

Vor der Corona-Pandemie konzipiert, wurde das Stück 2020 von der Realität überholt und daraufhin mehrfach inhaltlich überarbeitet und den geltenden Bühnen-Bestimmungen angepasst- erfahren doch Fragen nach individuellen und gesellschaftlichen Entscheidungsmechanismen im Umgang mit Krankheit unter dem Eindruck der Pandemie ein neue Wertigkeit. Nun ist die Realität (wieder) eine andere- die Fragen aber bleiben: Wieviel Informationen sind nötig um eine Entscheidung zu treffen? Wer ist relevant und in welchem System? Und wieviel Ambivalenz sind wir bereit auszuhalten?

Die Jeinsager positionieren sich mit Arien, Texten und musikalischen Interventionen zu den Fragen im Spannungsfeld von Ja, Nein und Jein und weiten ihr Stück zu einem multimedialen Theaterabend aus. 

Trailer der ursprünglich für April 2020 geplanten UA

take_care: die Jeinsager

Stipendium des Fonds Darstellende Künste zu einer pandemieadäquaten inhaltlichen und ästhetischen Neuausrichtung der „Jeinsager“

Die Recherche und der damit zusammenhängende Arbeitsverlauf gestaltete sich nicht linear, sondern war- wie fast alles in diesen Zeiten- einem ständigen Neu-Justieren, Verwerfen und neu-denken unterworfen. Mehrere „Opfer“ mussten auch im Arbeitsprozess gebracht werden: das Stück kann in seiner ursprünglichen Form mit 16 Darsteller:innen in absehbarer Zeit nicht aufgeführt werden, der „Jasager“ ist nun nur noch Folie und nicht mehr Teil der „Jeinsager“. Entstanden ist eine Fassung, die mit den Verlusten und „Opfern“, die das Stück bringen musste, um in pandemischen Zeiten auf die Bühne zu kommen, kreativ umgeht: mit theatralischen Mitteln wie Reenactment, Video-Einspielungen und parallelen Bühnenaktionen, sowie Performance Lecture-Teilen und musikalischen Interventionen wurden „Die Jeinsager“ zu einem multimedialen Theaterabend umgebaut, welcher die Bruchstellen nicht verschleiert, sondern heraushebt. Das disparate Nebeneinander verschiedener ästhetischer Ebenen wurde verstärkt und scheint mir eine adäquate theatralische Antwort auf die „unerträgliche Ambivalenz täglicher Entscheidungen“ – so der Untertitel des Stückes und die Grunderfahrung pandemischen Ja und Neins. 

In seiner neuen Fassung für 3 (statt 9) Sänger:innen, 1 Performerin und 2 (statt 6) Musiker wird das Stück im März 2022 im Gare du Nord in Basel seine Uraufführung erleben. 

Fotos aus Video-Sequenz. Video: Jonas Sulzer